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Geschlechtersensible Medizin kann Leben retten

Von den 1970er bis in die 90er Jahre wurden Frauen weitgehend von Arzneimittel-Studien ausgeschlossen. Ungeachtet dessen wurden Medikamente jedoch für beide Geschlechter gleich dosiert verabreicht. Oft zum Nachteil für Frauen, denn nicht nur ihre anatomischen Strukturen sind anders, sondern auch die Verstoffwechselung und Verteilung der Medikamente – mit teilweise tödlichen Folgen.

Hintergrund

1977 veröffentlichte die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA eine Anweisung, gebärfähige Frauen von frühen klinischen Prüfungen der meisten Arzneimittel auszuschließen. Dies geschah als Reaktion auf die Contergan-Katastrophe vor allem im Hinblick auf mögliche negative Folgen auf die Fertilität und bei einer Schwangerschaft. Forscher befürchteten zudem, dass zyklusbedingte Hormonschwankungen die Studienergebnisse verfälschen könnten. Die Folge: Frauen wurden von Arzneimittel-Studien ausgeschlossen und die von Männern erhaltenen Studienergebnisse wurden einfach auf Frauen übertragen. Diese Anweisung wurde 1993 mit der „Guideline for the Study and Evaluation of Gender Differences in the Clinical Evaluation of Drugs” in Amerika revidiert. Ende der 90er Jahre wurden schließlich mehrere Arzneimittel dem Markt entzogen, weil es viele, zum Teil tödliche Nebenwirkungen gab. Die betroffenen Personen waren überwiegend Frauen. Untersuchungen ergaben, dass diese Arzneimittel weder an weiblichen Zellen, noch an weiblichen Studienteilnehmerinnen erprobt wurden. In Deutschland wird Arzneimittelforschern erst seit 2004 gesetzlich empfohlen, Medikamente, die an beide Geschlechter verschrieben werden, auch an Frauen zu testen und auszuwerten. Seit 2011 müssen Medikamentenhersteller eine geschlechtsspezifische Auswertung ihrer Zulassungsstudien einreichen. Arzneimittel, die vor 2004 auf dem Markt gekommen sind, wurden jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nur an Männern getestet, so auch Aspirin und Paracetamol.

Unterschiede in der Arzneimittelwirkung

Die Forschung hat gezeigt, dass Krankheiten, die bei allen Menschen auftreten können, sich bei Frauen und Männern oft unterschiedlich äußern und auch unterschiedlich verlaufen. Eine Frau hat z.B. ein anderes Verhältnis aus Fett- und Muskelmasse und einen anderen, noch dazu zyklusabhängigen, Wassergehalt. Das unterschiedliche enzymatische Profil bei Frauen kann dazu führen, dass Medikamente sehr schnell überdosiert werden und auch verstärkt Nebenwirkungen auftreten. Während Östrogene eine schützende Wirkung haben und die Immunabwehr stärken, hemmt im Gegensatz dazu das männliche Hormon Testosteron die Immunabwehr. Deshalb wirkt eine Grippeimpfung bei Frauen eigentlich schon ab der halben Dosis. Auch arbeitet der Darm bei Frauen langsamer, so dass Medikamente länger im Körper verbleiben. Außerdem sind bei Frauen Enzyme in der Leber unterschiedlich wirksam, so dass sie Alkohol und Medikamente um die Hälfte langsamer abbauen können, als Männer.

Stereotype Erkrankungen?

Lange hat sich die Medizin nur für bestimmte Organe und deren Erkrankungen geschlechtsspezifisch interessiert, beispielsweise für Prostata- und Brustkrebs. Herzinfarkt galt lange Zeit als Männerleiden und „Manager-Krankheit“, die Frauen nicht betrifft. Dabei sterben in Deutschland mehr Frauen an Herzinfarkten als Männer! Die regelmäßige Einnahme von Aspirin wird (für beide Geschlechter) als wirksame Arznei gegen einen Infarkt verabreicht, jedoch ergab eine Studie von 2005 (The New England Journal of Medicine, Online Veröffentlichung am 7. 3. 2005), dass es bei Frauen keinerlei Wirkung zeigt. Die Einnahme einer niedrigen Dosierung von Acetylsalicylsäure (ASS) scheint bei gesunden Frauen nicht das Risiko für einen Herzinfarkt zu reduzieren, senkt jedoch das Schlaganfallrisiko. Kardioprotektive Effekte waren erst für Frauen über 65 Jahre nachweisbar.

Herzinfarkt bei Frauen unterschätzt

Frauen haben andere Krankheitssymptome als Männer, die der breiten Öffentlichkeit nicht sehr bekannt sind. Kardiologinnen gehen deshalb davon aus, dass die durchschnittliche Frau einen Herzinfarkt nicht erkennt, weil sie nur mit den klassischen „Männer-Symptomen“ wie Atemnot, Druck und Stechen in der Brust vertraut ist. Im Gegensatz dazu schmerzen Frauen jedoch Kiefer, Schulter und Rücken und ihnen kann übel werden. Es wird davon ausgegangen, dass Frauen bei Herzinfarkten generell zu spät zum Arzt gehen. Dort angekommen, werden sie mit ihren Schmerzen oft nicht ernst genommen, ihnen wird vielmehr häufig suggeriert, dass sie sich ihre Schmerzen nur einbilden würden. Frauen beschreiben ihre Beschwerden außerdem detaillierter und umfangreicher als Männer. Auch dies führt dazu, dass ihre Symptome von Ärzten häufig als übertrieben eingeordnet werden. Die Folge: Männer werden in der Notaufnahme immer noch schneller behandelt als Frauen! Frauen werden bei unklaren Diagnosen auch häufiger zum Psychologen oder Psychiater überwiesen als Männer, Depressionen und andere psychische Erkrankungen gelten im Gegensatz dazu jedoch immer noch als stereotypes Frauenleiden. Depressionen bei Männern werden daher häufig nicht erkannt, so dass oft eine rein körperbezogene Diagnose bei ihnen erfolgt. In der Psychiatrie ist der Mann das unterversorgte Geschlecht.

Gendermedizin in Forschung und Lehre

Osteoporose oder Depression bei Männern, Herzinfarkt bei Frauen – bei zahlreichen Erkrankungen zeigen Frauen und Männer unterschiedliche Symptome und reagieren anders auf medizinische Therapien. Unter der Annahme, dass Männer- und Frauenkörper sich nur im Bereich der Gynäkologie und Geburtsmedizin unterscheiden, beruht das derzeitige medizinische Wissen bisher jedoch hauptsächlich auf Erkenntnissen über den männlichen Organismus. Die Folge kann sein, dass Erkrankungen falsch diagnostiziert, Arzneimittelnebenwirkungen falsch eingeschätzt oder geeignete Therapien nicht eingeleitet werden. Gendermedizin kommt bisher auch noch zu selten in den Lehrplänen medizinischer Fakultäten vor, medizinisch relevante Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden häufig nicht gelehrt. Geschlechtsspezifische Besonderheiten müssen jedoch bei Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation dringend in die moderne Medizin umgesetzt werden. Sprich deinen Arzt am besten gezielt auf etwaige Unterschiede bei der Medikamentenwirkung und -dosierung an und lass dich von ihm dazu beraten.

Das Leipziger Medizintechnikunternehmen VivoSensMedical treibt die Forschung für Frauen weiter voran und forscht schwerpunktmäßig in den Indikationsbereichen Frauengesundheit, weibliche Chronobiologie sowie Autoimmunerkrankungen bei Frauen. Dazu führt das Unternehmen zahlreichen Studien mit Frauen auf Basis des Biomarkers Körperkerntemperatur durch. Die Vision: Ein Paradigmenwechsel in der medizinischen Diagnostik herbeizuführen sowie geschlechtssensible, individuelle Diagnostik für bessere Therapien zu schaffen.

 

Referenzen

Jahn, I., Gansefort, D., Kindler-Röhrborn, A. et al. (2014) Geschlechtersensible Forschung in Epidemiologie und Medizin: Wie kann das erreicht werden? . Bundesgesundheitsbl. 57: 1038. https://doi.org/10.1007/s00103-014-2010-8

Guideline for the Study and Evaluation of Gender Differences in the Clinical Evaluation of Drugs. Fed Regist. 1993 Jul 22;58(139):39406-16.

Knopf D. (2005) ASS schützt Frauen nur bedingt. In: Pharmazeutische Zeitung; Ausgabe 13. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=pharm1_13_2005, Zugriff: 1.11.2019

The New England Journal of Medicine, Online Veröffentlichung vom 7. März 2005. http://content.nejm.org/cgi/reprint/NEJMoa050613v1.pdf

https://nachgefragt-podcast.de/tag/geschlechtersensible-medizin/ Zugriff: 1.11.2019

https://gender.charite.de/ Zugriff: 1.11.2019

https://www.vfa.de/embed/positionspapier-beruecksichtigung-von-frauen-und-maennern-bei-der-arzneimittelforschung.pdf-1 Zugriff: 1.11.2019

 

 

 

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