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Manchmal kommt nach der Geburt ein tiefes Loch

Häufig tabuisiert, unterschätzt und immer noch unterversorgt: die Wochenbettdepression. Ein Thema, das in der breiten Gesellschaft leider noch zu wenig Beachtung und Aufmerksamkeit findet. Bereits die Schwangerschaft ist sowohl für den weiblichen Körper als auch die Seele eine große Herausforderung. Das emotionale Verarbeiten der Geburt ist die nächste große psychische Aufgabe, der sich die Mütter stellen werden. Manchmal gerät das emotionale Gleichgewicht aber auch aus den Fugen. Nicht jede Mutter, die ein Kind zur Welt gebracht hat, kann sich uneingeschränkt darüber freuen. Zwischen 10-20% der Mütter entwickelt eine Depression, die man aufgrund ihres zeitlichen Zusammenhangs mit einer Geburt als „postpartale Depression“ (PPD) oder Wochenbettdepression bezeichnet. In anderen Worten: Jede 5. Frau entwickelt eine postpartale Depression, die meisten Fälle bleiben unentdeckt. Da es aber sehr wenige Forschungsarbeiten zum Thema gibt, ist die Zahl der Betroffenen vermutlich sogar höher. Australische Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass 33%, also eine von drei Frauen, unter einer traumatischen Geburt leidet und Symptome einer PPD aufweist (Creedy DK. 2000).

Was kennzeichnet die postpartale Depression?
Eine Wochenbettdepression ist eine ernsthafte Erkrankung und keine Lappalie. Es handelt sich dabei um eine depressive Erkrankung, die innerhalb vier bis sechs Wochen nach der Entbindung entsteht. Die Symptome sind vielfältig und reichen von gedrückter Stimmung, Interessen- Freundlosigkeit, Appetitverlust, erhöhter Ermüdbarkeit, Wertlosigkeits- und Schuldgefühlen, innerer Leere und Hoffnungslosigkeit, verminderter Konzentration bis hin zu Suizidgedanken und -handlungen. Um die Diagnose PPD stellen zu können, müssen fünf dieser Symptome über mindestens zwei Wochen vorhanden sein. Die PPD ist nicht gleichzusetzen mit dem sogenannten „Baby Blues“, der bei 25-50% aller Wöchnerinnen nach der Geburt auftritt und auch von alleine wieder verschwindet. Dieser ist im Verlauf milder und von Symptomen wie Weinerlichkeit, Traurigkeit und depressiven Verstimmungen geprägt.

Warum bleibt die postpartale Depression oft unentdeckt?
Die Symptome einer PPD treten meist erst nach Entlassung aus der Geburtsklinik auf, daher wird sie häufig gar nicht oder erst sehr spät erkannt. Hinzu kommt, dass frisch gebackene Mütter ihre Symptome oft aus Scham, Angst und Schuldgefühlen verschweigen. Besonders Teilnahmslosigkeit und ambivalente Gefühle dem Kind gegenüber führen oft zu massiven Schuldgefühlen, denn die Mütter wissen gar nicht, dass sie an einer Depression leiden. Eine breite Aufklärung und Information der Bevölkerung würde Verständnis und Akzeptanz für die Erkrankung fördern. In der Bevölkerung wird die Wochenbettdepression jedoch immer noch nicht ernst genug genommen, denn bedingungslose Mutterliebe und Freude über das Baby werden schlichtweg vorausgesetzt. Für einige Mütter muss aber eine Bindung zu diesem kleinen Geschöpf, das plötzlich „da“ ist, erst einmal aufgebaut werden. Hinzu kommen Hormonumstellungen, Schlafmangel und die plötzlich große Verantwortung dem Neugeborenen gegenüber. Nicht selten versorgen Betroffene ihr Baby zwar korrekt, jedoch teilnahmslos, so wie eine Puppe. Die Folgen bei Säugling können Verhaltensauffälligkeiten, Bindungsstörungen sowie Störungen der emotionalen und kognitiven Entwicklung sein. Besonders das enge soziale Umfeld wie Lebenspartner, Angehörige und Nachsorgehebammen müssen in den ersten Wochen verstärkt auf Anzeichen einer Wochenbettdepression achten. Wird die PPD nämlich nicht behandelt, können schwerwiegende Komplikationen bei Mutter und Kind auftreten, die im schlimmsten Fall sogar zum Suizid oder erweiterten Suizid führen können.

Wie entsteht die postpartale Depression?
An der Entstehung einer PPD sind vermutlich neurochemische, hormonelle und psychosoziale Faktoren beteiligt. Auf der körperlichen Ebene werden hormonelle Umstellungen im weiblichen Körper und hier vor allem der drastische Abfall des Progesteron- und Östrogenspiegels für das Stimmungstief bis hin zur PPD verantwortlich gemacht. Aber auch andere Faktoren können eine Rolle spielen, wie ein allgemeines Ohnmachtsgefühl angesichts der großen Verantwortung gegenüber dem Neugeborenen, die neue Rolle als Mutter an sich, Schilddrüsenunterfunktion, Erschöpfungszustände oder eine traumatische Geburt, oft einhergehend mit einem hohen Maß an geburtshilflichen Eingriffen.

Risikofaktoren
Als wichtigster Risikofaktor für PPD gilt eine erhöhte Vulnerabilität der Mutter durch eine depressive (Vor)Erkrankung oder andere psychische Erkrankungen in der Vorgeschichte. Darüber hinaus werden traumatische Erlebnisse und Vernachlässigung in der eigenen Kindheit, Stressbelastung in der Schwangerschaft, traumatisches Erleben der Geburt, biologische Auslöser, geringe oder keine soziale Unterstützung sowie geringe Partnerschaftszufriedenheit diskutiert. Bildungsstand, Geschlecht des Kindes oder Stillen scheinen hingegen keinen Einfluss auf die Wochenbettdepression zu haben.

Wie wird die Wochenbettdepression behandelt?
Im Gegensatz zum Baby Blues besteht bei der PPD unbedingt Therapiebedarf. Die Behandlung der PPD kann nach Schweregrad und Präferenzen der betroffenen Frau variieren. In den Vordergrund rückt dabei zunehmend die Therapie der häufig gestörten Mutter-Kind-Beziehung. Außerdem umfasst die Therapie sowohl Psychotherapie als auch eine medikamentöse Therapie, in dringenden Fällen muss ein stationärer Krankenhausauenthalt erfolgen. Eine breite Aufklärung und Information der Bevölkerung würde zudem Verständnis und Akzeptanz für die Erkrankung fördern. Wenn du von einer Wochenbettdepression (oder auch vom Baby Blues) betroffen bist oder Freundinnen hast, denen es nach der Entbindung psychisch schlecht zu gehen scheint, dann zögere bitte nicht und sprich mit dem Partner, Freunden, der Nachsorgehebamme, Ärzten oder Psychologen darüber und lasst euch beraten und helfen!

Hier erhältst du zusätzliche Informationen und Hilfe
Schatten und Licht e.V., Selbsthilfegruppe für Frauen mit Wochenbettdepressionen und Wochenbettpsychosen

Deutsche Depressionshilfe 

Sozialpsychiatrische Dienste oder Schwangerschaftsberatungsstellen in deiner Nähe. Die dort arbeitenden Sozialpädagogen/innen und Psychologen/innen unterliegen der Schweigepflicht.

Referenzen
Bürmann/ Siggeman C. 2014. Postpartale Depression. Kompetenz Zentrum NRW. Frauen und Gesundheit
Creedy DK et al. 2000. Childbirth and the development of acute trauma symptoms: incidence and contributing factors. Birth;27(2):104-11.

https://www.aerzteblatt.de/archiv/54466/Postpartale-Depression-Vom-Tief-nach-der-Geburt , Zugriff 13.8.2019
https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/wochenbettdepression/hintergrund, Zugriff 13.8.2019
https://postpartaledepression.jimdo.com/, Zugriff 12.8.2019
https://lansinoh.de/baby-blues-und-wochenbettdepression/, Zugriff 12.8.2019

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